Streit stresst. Aber auch schon kleinere Unstimmigkeiten können so viel Druck auslösen, dass die Angst vor einem Konflikt wächst. Auf dieser Basis lässt sich ein (drohender) Streit nur schwer auflösen. Meist tragen wir dann die belastenden Gedanken und Gefühle eine ganze Weile mit uns herum.
Lies hier, welche 4 Schritte du gehen kannst, um nach einem Streit gedanklich zur Ruhe zu kommen und den Konflikt zu lösen.
Dieser Blogartikel wurde im Mai 2022 zum ersten Mal veröffentlicht und im Juli 2025 aktualisiert.
Warum du nach einem Streit nicht zur Ruhe kommst
Sensible und empathische Menschen erreichen durch ihre intensive Wahrnehmung schneller ein bestimmtes Stresslevel. Ist ein bestimmter Punkt erreicht, kann der Kopf nicht mehr klar denken. Das führt dazu, dass der Streit nicht mehr angemessen analysiert und hinterfragt werden kann. Dasselbe gilt natürlich auch für andere schwierige Situationen.
Stattdessen handeln wir während der Situation oft impulsiv oder wir „erstarren“. Nach der Situation bilden sich dann scheinbar endlose Gedankenschleifen.
Auch unbewusste Erwartungen lassen den Stress schnell ansteigen: Wie wird die andere Person jetzt über mich denken?
Wir haben im Laufe unseres Lebens viele Erfahrungen gemacht, die uns geprägt haben. Daraufhin haben wir gewisse Grundannahmen über uns selbst und andere entwickelt. Wenn diese Grundannahmen negativ und bedrückend sind (z. B. „Ich bin unfähig.“), befürchten wir dementsprechende Konsequenzen (z. B. „Die anderen werden mich auslachen und wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.“).
Diese Angst vor negativen Bewertungen und dem Nichtgewolltsein stresst uns (unbewusst) so sehr, dass wir einen Tunnelblick entwickeln, der die Sicht auf geeignete Auswege versperrt.
Das heißt also: Senke zuerst dein Stresslevel, bevor du versuchst, den Konflikt zu klären.
Wenn du schon immer versuchst, dich erst zu beruhigen, aber es nicht so richtig klappt, dann ist dein Stress wahrscheinlich schon zu hoch und du brauchst etwas anderes.
Was du auf welchem Stresslevel brauchst, um wieder klar denken zu können
Du kannst deine Stresslevel in 4 Bereiche einteilen:
- völlige Entspannung
- leichter Stress
- mittlerer Stress
- starker Stress
Für jedes Stresslevel gibt es verschiedene Stressbewältigungs-Strategien. Nach einem Streit befinden wir uns in der Regel auf einem mittleren oder hohen Stressniveau.
Wenn du auf einem mittleren Stresslevel bist
Ein mittleres Stresslevel liegt etwa in einem Bereich unter 70% des maximal möglichen emotionalen Stresses. Hier helfen Entspannungstechniken wie:
- Achtsamkeits- und Atemübungen
- Meditation
- ein warmes Bad
- ein Waldspaziergang
- …
Die Entspannungstechniken sollen dir dabei helfen, dein Stresslevel nicht weiter ansteigen zu lassen. Du kannst auf diese Art einen klaren Kopf bewahren oder bekommen. Denn den brauchst du, um den Streit angemessen zu analysieren und zu überlegen, wie du zukünftig mit solchen Situationen umgehen möchtest.
Wenn du auf einem hohen Stresslevel bist
Ein hohes Stresslevel liegt bei etwa über 70% des maximal möglichen emotionalen Stresses.
Hier ist es wichtig, nicht in der Stress-Emotion zu verharren oder sich noch weiter reinzusteigern. Deshalb ist hier Ablenkung das beste Mittel.
Indem du dich ablenkst, schaffst du es, aus dem Stress- und Gedankenstrudel auszusteigen. Ablenken kannst du dich z. B. durch:
- eine kalte Dusche, Akupressur (starker Sinnesreiz)
- Lesen, Rätseln, Geduldspiele (gedankliche Ablenkung)
- Joggen, Kraftübungen (körperliche Aktivität)
Hast du das Gefühl, dein Stress hat sich durch die Ablenkung schon etwas gelegt, beginnst du mit der aktiven Entspannung. Dafür nutzt du die Techniken, die beim mittleren Stresslevel eingesetzt werden.
Und erst dann versuchst du, dein Problem besser zu verstehen und Lösungen zu finden.
Die 4 Schritte im Überblick: So kommst du nach einem Streit zur Ruhe
Eines vorweg: Fällt es dir häufig schwer, nach einem Streit abzuschalten und wirfst du dir dein „Versagen“ oft noch lange vor? Dann wirst du langfristig nicht drum herumkommen, dich intensiver mit dir und diesem Problem zu befassen. Erst wenn du deine individuellen Stressmuster verstehst, kannst du die für dich passende Lösung finden.
Aber: Da solche Gedankenschleifen verstärkt auftreten, wenn wir gestresst sind, kann es schon helfen, das Stresslevel zu senken. Sind wir entspannter, machen wir uns weniger Gedanken.
Hier hast du die 4 Schritte im Überblick:
1: Dein Stresslevel erkennen
Wie hoch schätzt du dein Stresslevel aktuell ein? Gemessen an dem, was du an unterschiedlichen Ausprägungen von dir kennst? Wie stark zeigen sich deine persönlichen Stress-Symptome z. B. auf einer Skala von 1-10? (Wie du deinen Stress messen kannst, hab ich dir hier beschrieben.)
2: Stress Schritt für Schritt senken
Hast du dein Stressniveau erkannt, kannst du nun passende Mittel zur Stressbewältigung nutzen. Zur Erinnerung:
Bei einem hohen Stressniveau hilft zunächst Ablenkung – zum Beispiel durch:
- eine kalte Dusche (starke Sinnesreiz)
- Lesen, Rätseln, Geduldspiele (gedankliche Ablenkung)
- Joggen, Kraftübungen (körperliche Aktivität)
Du kommst dann auf ein mittleres Stressniveau und kannst Entspannungstechniken einsetzen, wie:
- Achtsamkeits- und Atemübungen
- Meditation
- ein warmes Bad
- ein Waldspaziergang
- …
Wenn du dich soweit stabil fühlst und klare Gedanken fassen kannst, kannst du damit anfangen, das Problem zu hinterfragen:
3: Den Streit reflektieren
- Was an dem Streit beschäftigt mich eigentlich?
- Was genau befürchte ich?
- Welche automatischen Gedanken tauchen auf? (Das ist sehr wichtig, um die Grundannahmen zu erkennen.)
- Wie kam es überhaupt zum Streit?
- …
Vorsicht: Tappe hier nicht in die Warum-Falle. Wenn du dazu neigst, dich in solchen Fragen zu verlieren, stelle dir einen Timer (z. B. auf 5-10 Minuten pro Frage). Mach die Reflexion am besten schriftlich. Schreibe dabei die jeweilige Frage auf und schreibe bei deinen Antworten einfach drauf los, was dir gerade dazu in den Sinn kommt. Stoppe mit dem Signal des Timers.
Schau dir dazu auch mal meinen Artikel übers Freewriting an. Freewriting ist eine therapeutische Schreibmethode, die dich gut dabei unterstützen kann, Antworten zu finden.
4: Die Situation neu bewerten
Versuche nun den Streit – oder die Situation, die den Streit ausgelöst hat – von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten.
Wenn uns ein zurückliegender Konflikt lange beschäftigt, dann deswegen, weil wir bestimmte Erwartungen haben. Wir fragen uns, was wohl Schlimmes passieren wird oder haben Angst, dass andere schlecht über uns denken.
Versuche, dich ein bisschen von diesen Erwartungen zu lösen und frage dich:
- Welche Gründe könnte es noch für das Verhalten von Person xy geben? (Ohne, dass du damit dieses Verhalten entschuldigst!)
- Hat dieses Verhalten wirklich etwas mit mir zu tun?
- Warum könnte meine Befürchtung auch falsch sein? (siehe Schritt 3)
- …
Wenn dir das Neubewerten allein schwerfällt, rede mit jemandem darüber. Hole dir die anderen Blickwinkel ruhig von außen dazu. Lass dich inspirieren. Du musst ja nicht alles übernehmen.
Und natürlich kannst du auch mit der Person sprechen, mit der du den Streit hattest. Das fällt übrigens bei einem Spaziergang meist leichter als sitzend in einem geschlossenen Raum. Wichtig ist, dass du dein Stresslevel vorher mindestens auf ein mittleres Niveau senkst.
Ganz wichtig – bei allem, was du tust: Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht. Du bist auch nur ein Mensch.
Fazit: Klar denken nach einem Streit – das braucht es wirklich
Streit und andere schwierige Situationen stressen uns. Haben wir außerdem schon oft die Erfahrung gemacht, abgelehnt zu werden, steigt unser Stresslevel deutlich schneller an.
Grund dafür sind (unbewusste) Erwartungen und Annahmen, die wir über uns selbst und andere haben. Diese Erwartungen und Erfahrungen führen oft dazu, dass wir es anderen möglichst recht machen wollen. Wir stehen dadurch sehr unter Druck und entwickeln vielleicht sogar eine regelrechte Angst vor Konflikten.
Um wiederkehrende Konflikte langfristig zu lösen, müssen wir sie an der Wurzel packen. Um die Wurzel zu erkennen, müssen wir uns tiefer mit dem Konflikt auseinandersetzen.
Am besten geht das auf einem leichten bis mittleren Stressniveau. Der Stress muss also gar nicht ganz weg sein. Ist er allerdings zu hoch, haben wir einfach keinen klaren Kopf dafür. Die passende Lösungsidee bekommen wir am ehesten, wenn wir entspannter sind. Wenn es an die Umsetzung dieser Idee geht, kann der Stress allerdings noch mal kurzzeitig ansteigen. Das ist aber normal und darf so sein.
Ich habe vorhin unter anderem empfohlen, sich abzulenken, damit man nicht in der Stress-Emotion verharrt oder sich sogar immer weiter reinsteigert.
Diese Empfehlung sorgt manchmal für Verwirrung, weil es auf der anderen Seite auch immer heißt, man soll sich eben nicht ablenken und sich der Situation und der Emotion stellen, sie annehmen.
Lies dir dazu auch unbedingt mal meinen Blogartikel durch, bei dem es darum geht, wann Ablenkung sinnvoll ist und wann sie sogar schaden kann: Ablenken bei emotionalem Stress: Ja oder nein?
Foto Titelbild: LordRunar von Getty Images Signature







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