Ablenken bei emotionalem Stress: Ja oder nein?

Ich bin etwas verwirrt. Es heißt doch überall: Du sollst dich nicht ablenken, du musst dich deinen Gefühlen stellen und alles so akzeptieren, wie es ist. Man soll alles so sein lassen, wie es ist und es nicht verändern wollen. Aber wie verändert sich dann überhaupt was? Ich will ja was verändern! Und dann habe ich aber auch schon oft gehört, dass man doch aus der Situation rausgehen und sich ablenken soll. Was ist denn nun richtig?

Danke für deine Frage. Ich kann gut verstehen, dass du verwirrt bist. Es ist manchmal echt nicht leicht, sich durch den Dschungel an Empfehlungen zu wühlen. Deswegen ist es wichtig, sich selbst und seine Stressreaktionen gut zu kennen. Denn das, was du an dir beobachten kannst, sagt dir etwas darüber, wie du dich verhalten solltest.

Es sind also beide Aussagen richtig – je nach Situation. Mit diesem Blogartikel möchte ich dir etwas Orientierung geben. Falls du dann dazu noch Fragen hast, schreib mir einfach noch mal. 🙂

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Dieser Artikel ist eine Antwort auf eine Frage, die mich über den kostenfreien und anonymen „Blog-Briefkasten“ erreicht hat. Möchtest du auch Fragen oder Gedanken einwerfen, die dich beschäftigen, kannst du das hier tun. 

Du hast schon mal eine Frage gestellt? Dann findest du hier alle bisherigen Antworten.

Inhalt

Grundsätzlich gilt: Emotionen bringen Botschaften

Was während einer Problemsituation im Körper passiert

Deine Bewertung aktiviert einen inneren Alarm

Du wechselst den Wahrnehmungsmodus

Wann Ablenkung schadet

Wann Ablenkung hilft

Mach dir bewusst, dass du dich nicht retten musst

Schätze dein momentanes Stresslevel ein

Senke deinen Stress, indem du dich bewusst ablenkst

Besser noch: Beobachte neugierig und wertungsfrei

Suche erst nach Lösungen, wenn du dich ruhiger fühlst

Fazit: Bewusstes Ablenken ist ein hilfreiches Werkzeug

Grundsätzlich gilt: Emotionen bringen Botschaften

Ich weiß jetzt nichts Näheres über deine Situation. Ich gehe aber davon aus, dass es etwas Wiederkehrendes ist. Vielleicht hast du schon ein bisschen was probiert, kommst aber nicht wirklich voran. Das Problem taucht immer mal wieder auf. Es gibt also ein Problem-Muster. Und mit deinen bisherigen Mitteln und Wegen konntest du es nicht lösen.

Vielleicht bist du aber auch gerade in einer Ausnahmesituation, in einer Umbruch- oder Trauerphase, in der du irgendwie mit deinen schwierigen Emotionen umgehen musst.

Vielleicht geht es aber auch um ganz alltägliche Emotionen und Bedürfnisse – ohne, dass direkt ein Stressmuster dahinter stecken muss.

Prinzipiell gilt: Was an der Oberfläche „auftaucht“, ist nach oben gekommen, um angeschaut zu werden. Emotionen sind immer Boten. Und die kommen wieder. So oft und so lange, bis sie gehört werden. Und sie werden mit der Zeit auch deutlicher, damit sie gehört werden.

Um wirklich zuhören zu können, muss man allerdings den richtigen Moment abpassen. Und hier hilft es meistens schon, zu verstehen, was in einer emotional herausfordernden Situation körperlich passiert.

Was während einer Problemsituation im Körper passiert

Für eine als Problem empfundene Situation gibt es immer einen Auslöser. Ein Auslöser ist im Grunde nichts anderes als eine Bewertung der Situation. Irgendwas passiert und du bewertest dieses Ereignis entweder als gut oder schlecht. Das passiert allerdings zunächst unbewusst und reflexartig. Du kannst es also erst mal gar nicht verhindern.

Du bemerkst deine Bewertung dann irgendwann an den Konsequenzen: Du kannst z.B. ein bestimmtes Verhalten an dir beobachten. Oder ganz bestimmte Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen. Das braucht eine gewisse Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber und Übung. Je geübter du darin bist, dich selbst zu beobachten, und je besser du dich selbst kennst (z.B. deine Werte und Stressmuster), desto zeitiger erkennst du deine unbewusst getroffene Bewertung.

Deine Bewertung aktiviert einen inneren Alarm

Dass du reflexhaft urteilst, ist übrigens eine ganz normale überlebenswichtige Funktion deines Körper-Geist-Systems. Ein bestimmter Teil des Gehirns ist ziemlich einfach gestrickt. Es kennt nur den Unterschied zwischen „Gefahr“ und „keine Gefahr“. Und das muss auch so einfach gestrickt sein, damit es im Notfall schnell geht. Denn lieber einen Alarm zu viel als einen zu wenig.

Stell dir vor, du musst erst 1000 komplexe Dinge bedenken und berücksichtigen, bevor du eine Notsituation als solche erkennst und reagieren kannst. Wäre im Ernstfall wohl nicht sehr hilfreich, oder? Das Überleben steht an erster Stelle. Deswegen braucht es hier sehr einfache Bewertungskriterien.

Wenn du jetzt eine Situation als schlecht bewertest, springt dein inneres Alarmsystem darauf an. Der sehr einfach gestrickte Teil versteht hier nur: „Gefahr!“. Der unterscheidet nicht zwischen „ein bisschen schlecht“ oder „ganz doll schlecht“. Schlecht heißt schlecht und bedeutet immer eine potenzielle Gefahr.

Du wechselst den Wahrnehmungsmodus

Körper und Geist wechseln nun in den Überlebensmodus. Und in diesem Modus geht es nicht darum, etwas zu analysieren, um nachhaltige Lösungen zu finden und sich weiterzuentwickeln. Es geht um eine kurzfristige Lösung, die dich jetzt schnell retten soll. Du wählst außerdem eine „Lösung“, die du schon kennst. Denn du hast gerade keine Zeit für Experimente mit ungewissem Ausgang. 😉

Irgendwann entspannt sich die Situation (vorläufig!) Und du bewertest sie als besser. Diese positive Bewertung nimmt den Finger von inneren Alarmknopf. Körper und Geist schalten wieder in einen anderen Wahrnehmungsmodus um und können wieder anderen Aufgaben nachgehen.

Und hiermit kommen wir auch schon zur Antwort auf die Frage, wann Ablenkung sinnvoll ist und wann nicht.

Wann Ablenkung schadet

Ablenkung ist eigentlich nur dann ein Problem, wenn es deine einzige Lösung bleibt. Wenn du mit dem Ablenken bezwecken möchtest, deine „blöden“ Gefühle einfach nur loszuwerden, damit du dich schnell besser fühlst. Ohne mal tiefer hinzuschauen, warum sie überhaupt da sind.

Oft glaubt man ja, den Grund zu kennen. Dann ist es der nervige Nachbar, das schreiende Kind, die Unordnung oder die fiese Kollegin. Irgendwas von außen, was einen emotional stresst. Diese offensichtlichen „Gründe“ sind aber meist nur Teil des Auslösers. Du solltest also immer versuchen, zwischen Ursache und Auslöser zu unterscheiden. (Das ist auch bei Konflikten sehr hilfreich.)

Die Ursache ist der tieferliegende Grund, der schon die ganze Zeit da war. Das Pulverfass samt Zündschnur. Und der Auslöser ist das, was zündet. Oder der berühmte eine Tropfen (von außen), der das Fass zum Überlaufen bringt.

Und an die Ursache kommst du nur ran, wenn du dich nicht permanent ablenkst. Denn mit dem ständigen Ablenken rutschst du in einen Teufelskreis, den du gut mit dem einer Sucht vergleichen kannst. Du brauchst irgendwann eine immer größere, längere und lautere Ablenkung, um die immer deutlicher werdenden „Symptome“ überdecken zu können. Du stellst dein Problem immer nur kurzfristig ruhig, löst es aber nicht.

Wann Ablenkung hilft

Ablenkung ist also bestenfalls nur ein Werkzeug, das du immer in Kombination mit einem anderen Werkzeug nutzt. Wie kann das nun aussehen?

Mach dir bewusst, dass du dich nicht retten musst

Sobald du merkst, dass du emotional gestresst bist, solltest du dir zuerst bewusst machen, dass es sich gerade nicht um eine echte lebensbedrohliche Situation handelt. Du hast Zeit, du musst nicht sofort reagieren und dich „retten“. Auch, wenn es sich für dich nicht so dramatisch anfühlt und es dir vielleicht im ersten Moment etwas ungewohnt oder sogar lächerlich vorkommt, für dein Körper-Geist-System ist es gerade bitterernst.

Schätze dein momentanes Stresslevel ein

Nachdem du dich aus der „Gefahrensituation“ begeben hast, solltest du einschätzen, wie groß dein Stress momentan noch ist und diesen ggf. erst mal weiter senken. Damit du handlungsfähig bleibst und eine gewisse geistige Flexibilität behalten kannst – denn im Stress hat man einen Tunnelblick, der die Sicht auf eine echte Lösung gar nicht zulässt. (Zum Einschätzen des Stresslevels hab ich hier was geschrieben.)

Senke deinen Stress, indem du dich bewusst ablenkst

Ein bewusstes Ablenken ist etwas anderes als eine unbewusste impulsive Reaktion. Denn die führt meist dazu, dass man sich dauerhaft „ablenkt“, weil man sich auf die kurzfristigen Lösungen fokussiert – die ja schließlich auch geholfen haben (so glauben wir zumindest).

Besser noch: Beobachte neugierig und wertungsfrei

Ablenkung kann eine überbrückende Hilfe sein, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Wenn du kannst, solltest du aber immer zuerst versuchen, „einfach nur“ zu beobachten, was gerade mit dir passiert. Du weißt ja nun, dass du nicht in Gefahr bist, also kannst du auch innehalten, abwarten und mal neugierig schauen, was da gerade für Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen sind. Du musst sie nicht verstehen, nicht analysieren, nicht verändern. Nur neugierig beobachten.

Gib dir dafür mal 30 Sekunden bis 3 Minuten Zeit und du wirst sehen, dass die schwierigen Emotionen ganz von allein wieder abflachen, wenn auch beim Körper die Erfahrung ankommt, dass gar nichts Schlimmes passiert. Das, was du mit dem Kopf schon weißt (keine echte Gefahr), musst du auch körperlich erleben. Und das auch mit ein paar Wiederholungen.

Das klingt einfacher, als es ist. Und es braucht Übung. Versuche es, so gut, wie es gerade geht, und immer direkt in den Momenten, in denen der Stress auftaucht. Und wenn es eben gerade nicht geht, lenke dich bewusst ab. Das ist in Ordnung, solange die Ablenkung nicht deine einzige Lösung bleibt.

Wenn es dir sehr schwerfällt, einfach nur zu beobachten, dann trainiere das erst mal in entspannteren Momenten. Vielleicht kann dich mein Artikel über das Prinzip der Gegenwärtigkeit dabei unterstützen.

Suche erst nach Lösungen, wenn du dich ruhiger fühlst

Sobald du dich ruhiger fühlst, kannst du anfangen, zu reflektieren und zu analysieren. Um der Ursache auf die Spur zu kommen und eine nachhaltige Lösung zu finden. Denn erst jetzt bist du wieder in einem Wahrnehmungs- und Denkmodus, in dem das überhaupt möglich ist.

Fazit: Bewusstes Ablenken ist ein hilfreiches Werkzeug 

Etwas zu akzeptieren und es gleichzeitig verändern zu wollen, muss kein Widerspruch sein. Akzeptanz ist immer der erste Schritt. Nur, wenn du annehmen kannst, was gerade da ist, kannst du erkennen, was dahinter liegt. Und das, was dahinter liegt, ist das, was du eigentlich verändern solltest. Ansonsten bleibt es immer bei kurzfristigen „Lösungen“, die das Problem für den Moment verdecken und zu keiner echten Lösung führen.

Wenn du merkst, dass du emotional gestresst bist, mach dir immer zuerst bewusst, dass du keiner akuten Gefahr ausgesetzt bist. Wenn du kannst, beobachte dann einfach nur deine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen – ohne irgendwas daran verstehen zu müssen und verändern zu wollen. Oft reichen ein paar Sekunden bis wenige Minuten aus, bis die Stress-Emotion ganz von allein abgeflacht ist. Erst dann fängst du an, zu reflektieren und zu analysieren, um eine nachhaltige Lösung zu finden.

Wenn es dir das wertungsfreie Beobachten schwerfällt, lenke dich ruhig ganz bewusst ab. Oder such dir ein anderes Mittel, um den hohen Stress erst mal etwas zu senken. Damit du nicht mehr den stressbedingten Tunnelblick hast. Erinnere dich aber daran, dass das nur eine „Lösung“ für den Übergang ist.

Falls du dir Unterstützung wünschst: Mit dem Yager-Code, einer hypnotischen Technik, können wir das Problem angehen, ohne bewusst nach der Ursache suchen zu müssen. Ansonsten können wir die Situation auch in einem E-Mail-Coaching mit psychologischem Tarot klären und auf diese Art einen nächsten Lösungsschritt für eine nachhaltige Veränderung finden.

Und natürlich kannst du auch jederzeit hier nachfragen und ich antworte dir wieder mit einem Blogartikel. 🙂

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