Ordnung im Kopf durch Freewriting: Anleitung und Wirkung dieser therapeutischen Schreibmethode

Dass Schreiben wirkt, ist längst wissenschaftlich erwiesen. Was aber, wenn die Worte nicht so richtig fließen wollen und der Kopf immer schwerer, statt leichter, wird? Wenn auch die besten Reflexionsfragen nicht funktionieren und sich das gedankliche Chaos nur immer mehr verdichtet?

In solchen – und anderen – Fällen, empfehle ich gerne das Freewriting.

Was Freewriting ist, wie es wirkt und auf welche unterschiedlichen Arten du es nutzen kannst, beschreibe ich dir in diesem Artikel.

Inhalt

Was ist Freewriting?

Wie wirkt Freewriting?

Anleitung zum Freewriting

Schreibe mindestens 10 Minuten am Stück

Setze den Stift nicht ab

Bewerte nicht, was du schreibst

Schreibe alles auf, was dir durch den Kopf geht

Schreibe per Hand

Schreibe regelmäßig

Varianten des Freewritings

Schreiben am Morgen

Schreiben am Abend

Schreiben ohne Themenbezug

Schreiben mit Themenbezug

Geschriebenes noch mal lesen: Ja oder nein?

Was sonst noch wichtig ist

Fazit

Was ist Freewriting?

Beim Freewriting geht es nicht darum, bestimmte Gedanken besonders toll zu formulieren. Du musst nicht mal zusammenhängend schreiben. Dein Text muss auch keinen Sinn ergeben.

Ganz im Gegenteil: Du schreibst, ohne darüber nachzudenken. Einfach, indem du über eine vorher festgelegte Dauer auf Papier bringst, was du gerade an Gedanken wahrnehmen kannst. Ohne den Stift abzusetzen und ohne die Form oder den Inhalt deines Textes zu bewerten.

Und auch, wenn du am Anfang vielleicht das Gefühl hast, nur komisches Zeug zu schreiben, bleib dran. Schreibe einfach immer weiter. Du wirst sehen, es lohnt sich.

Wie wirkt Freewriting?

Freewriting ist also auch (und vor allem!) dann etwas für dich, wenn du dich oft blockiert fühlst, sobald du versuchst, Antworten auf irgendwas zu finden. Oder wenn dein Kopf durch viel Gedankenchaos ganz schwer wird.

Daneben gibt es noch andere richtig gute Gründe, regelmäßig auf diese Art zu schreiben:

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Du machst die Erfahrung, dass du wichtige Antworten eigentlich schon kennst – sie eben nur noch nicht bewusst weißt.

(Antworten und Gedanken von anderen sind oft hilfreich, dienen aber nur als Inspiration, damit du leichter neue Blickwinkel einnehmen kannst, um zu deinen eigenen Antworten zu kommen.)

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Du verstehst deine eigenen Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster besser. Dadurch erkennst du Stress- und Konfliktmuster leichter.

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Du kannst bisher unbewusste Fähigkeiten, Talente und Stärken entdecken.

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Du wirst dir bewusst darüber, was dir eigentlich wichtig ist im Leben.

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Du entschleunigst deine Gedanken, entlastest deinen Kopf und grübelst weniger. Gleichzeitig kommst du zu neuen Erkenntnissen und veränderst durch die neuen Sichtweisen deine Wahrnehmung in eine hilfreiche Richtung.

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Du kannst Stress und emotional belastende Ereignisse besser verarbeiten.

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Du förderst durch das regelmäßige Schreiben deine Kreativität, stärkst deinen sprachlichen Ausdruck und damit auch deine Kommunikationsfähigkeit.

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Du stärkst dein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

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Du hast mehr Mitgefühl und Verständnis dir selbst gegenüber.

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Du kannst Sorgen und Ängste leichter überwinden.

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Du fühlst dich befreit und kannst dich auf das konzentrieren, was gerade wirklich wichtig ist.

Anleitung zum Freewriting

Damit Freewriting auch wirklich frei erfolgt (und frei macht!), gibt es ein paar Schreibregeln:

Schreibe mindestens 10 Minuten am Stück

Vielleicht sogar 20-30 Minuten. Stelle dir einen Timer, damit du dich voll und ganz auf deinen Gedankenfluss einlassen kannst und nicht durch Blicke auf die Uhr wieder herausgerissen wirst.

Plane dir evtl. auch etwas Zeit für „Nachwehen“ ein: Für manche Menschen hat Freewriting sowas wie eine meditative Wirkung und sie brauchen danach noch einen Moment, um wieder „zurück zu kommen“.

Setze den Stift nicht ab

Du hast zu viele chaotische und schnelle Gedanken, so dass du nicht weißt, wo du anfangen sollst? Oder du hast gar keine Gedanken und mit dem Stift in der Hand scheint der Kopf plötzlich leer? Dann schreib genau das auf.

Versuche, wirklich durchgehend zu schreiben. Egal was. Sobald du den Stift absetzt, fängst du nämlich an, über das nachzudenken, was du schreiben möchtest – oder glaubst, schreiben zu müssen. Und genau das soll ja hier nicht passieren.

Bewerte nicht, was du schreibst

Filtere deine Gedanken nicht. Streiche nichts durch. Versuche auch, dem Drang zu widerstehen, Rechtschreibfehler zu verbessern. Lesbarkeit und Grammatik sind hier genauso nebensächlich. Du musst deine Sätze nicht mal zu Ende schreiben, wenn schon der nächste Gedanke in den Vordergrund rückt.

Schreibe alles auf, was dir durch den Kopf geht

Dieser Punkt knüpft an den vorherigen an: Filtere nicht. Alles, was du wahrnimmst, ist es wert, dass du es aufschreibst. Egal, wie belanglos oder albern es dir vielleicht vorkommt. Auch körperliche Empfindungen und Emotionen kannst du einfach „rausschreiben“. Vor allem, wenn sie sich mitten in deine Gedanken mischen.

Schreibe per Hand

Wenn du nicht gerade eine sehr große Abneigung gegen das Schreiben per Hand hast, nutze wirklich Stift und Papier fürs Freewriting. Zum einen schreibst du mit der Hand schneller als mit der Tastatur, zum anderen verarbeitest du das Geschriebene besser.

Aber: Stress hebt den Nutzen auf. Falls du das Schreiben über die Tastatur liebst und dich einfach nicht zum Schreiben per Hand überwinden kannst, dann zwing dich auch nicht. Je mehr Freude du am Schreiben hast, umso besser. Mach es dir passend.

Schreibe regelmäßig

Einmal ist keinmal. Damit das Freewriting bestmöglich wirkt, solltest du regelmäßig schreiben. Am besten täglich über mehrere Wochen oder sogar Monate.

Das musst du nicht auf ewig machen. Aber wenn du die Wirkung einmal erlebt hast, wirst du wahrscheinlich immer mal wieder phasenweise darauf zurückkommen.

Varianten des Freewritings

Schreiben auf diese Art hilft also, stockende Gedanken wieder fließen zu lassen, sich Zusammenhänge bewusst zu machen und Erlebnisse zu verarbeiten. Auch die stressenden und hinderlichen Bewertungen des inneren Kritikers kannst du durch das Schreiben leichter erkennen und verändern.

Dafür kannst du das Freewriting auf unterschiedliche Arten nutzen:

Schreiben am Morgen

Das ist wahrscheinlich der Klassiker des Freewritings: die sog. Morgenseiten. Die schreibst du am besten direkt nach dem Wachwerden und noch vor dem Aufstehen. Wenn der Kopf noch frei ist von Eindrücken, Erlebnissen und Alltagsstress.

So „unbelastet vom Tag“ kannst du leichter neue Blickwinkel einnehmen und findest eher einen Zugang zu deinem Unterbewusstsein. Dadurch können sich auch Lösungsideen für festgefahrene Situationen entwickeln. Außerdem gehst du mit einem freien Kopf in den Tag.

Falls du direkt nach dem Wachwerden keine Ruhe zum Schreiben hast, nutze einfach die nächstbeste Zeit.

Schreiben am Abend

Schreibst du am Abend, wirst du automatisch die Erlebnisse deines Tages festhalten, reflektieren und sortieren. Die Abendseiten machen – genauso wie die Morgenseiten – den Kopf frei. Sie helfen dir, Dinge zu verarbeiten und neue Lösungen zu entwickeln. Durch die Entlastung und das Gefühl von einer gewissen inneren Aufgeräumtheit wirst du sehr wahrscheinlich auch besser schlafen können.

Schreiben ohne Themenbezug

Das klassische Freewriting (vor allem am Morgen) orientiert sich nicht an einem bestimmten Thema. Es geht querbeet in sämtliche Richtungen, durch sämtliche Themen. Was eben gerade da ist und raus will. Auch häufige Gedankensprünge sind hierbei absolut normal und sogar erwünscht.

Schreiben mit Themenbezug

Natürlich kannst du das Freewriting auch nutzen, um dich einem ganz bestimmten Thema zu nähern und Antworten auf gezielte Fragen zu bekommen.

Wenn mir z.B. eine noch sehr vage Idee im Kopf rumschwirrt, fange ich oft spontan an zu schreiben. Und während des Schreibens formt sich die Idee weiter – oder sie löst sich wieder auf und es kommt ggf. etwas ganz anderes dabei raus. Hier stelle ich mir meist keinen Timer und stoppe das Schreiben intuitiv. Danach fasse ich meine Erkenntnis, die ich noch im Kopf habe, kurz schriftlich zusammen. Diese kurze Zusammenfassung nehme ich mir zum Nachlesen mit. Der Rest des Textes ist für mich dann meist nicht mehr relevant.

Möchtest du eine Antwort auf eine bestimmte Frage aus deinem Unterbewusstsein herauskitzeln, schreibe mit dieser Frage im Hinterkopf einfach drauf los. Du kannst auch einen bestimmten Einleitungssatz nutzen, der zu deinem Thema passt. So findest du leichter einen Anfang. Erlaube dir auch hier das gedankliche Abschweifen. Denn manchmal müssen erst andere Themen aus dem Kopf geschrieben werden, damit dann der Weg zu den gewollten Informationen frei ist.

Geschriebenes noch mal lesen: Ja oder nein?

Hierzu gibt es keine starre Regel. Du darfst für dich selbst entscheiden, ob du deine Texte noch mal lesen möchtest oder nicht. Es kommt auch ein bisschen darauf an, warum du schreibst.

Morgenseiten sind zum Beispiel nicht unbedingt dafür gedacht, gelesen zu werden. Wenn du deine Texte aber noch mal lesen möchtest, empfehle ich dir, etwas Zeit vergehen zu lassen. So schaust du noch mal mit einem anderen Blick auf deine Worte und erkennst leichter einen möglichen roten Faden in den Themen. Auch Entwicklungen, die zwischen dem Schreiben und dem Lesen stattgefunden haben, werden auf diese Weise gut sichtbar.

Du kannst deine frei geschriebenen Texte natürlich auch als Grundlage für strukturierte Texte nutzen. Das Freewriting dient dann sozusagen zum Warmwerden mit dem Thema oder mit dem Schreiben. In dem Fall liest du deinen Text zeitnah nach dem Schreiben und bringst den Inhalt dann in eine bestimmte Form.

Was sonst noch wichtig ist

Sorge für einen Schreibplatz, an dem du ungestört bist und dich wohlfühlst.

Überlege dir auch, wie du deine Texte aufbewahren kannst, ohne dass sie von anderen gelesen werden. Denn nur, wenn du dich dahingehend sicher fühlst, kannst du wirklich alle Gedanken rauslassen. Sobald du dich darüber sorgst, ob jemand mitlesen könnte, wirst du wahrscheinlich anfangen, deine Gedanken zu filtern und nicht alles aufzuschreiben. Es ist aber wichtig, dass du hier vollkommen ehrlich mit dir selbst bist und nichts zurückhältst.

Es kann dann natürlich auch mal ziemlich emotional werden während des Schreibens. Das ist okay und ein Zeichen dafür, dass sich etwas löst. Lass es zu und gib dich dem hin. Je weniger du dagegen steuerst, desto schneller und leichter überwindest du diese Phase.

Plane ggf. ein paar Minuten extra Zeit ein, falls du nach dem Schreiben noch ein paar Momente für dich allein brauchst.

Fazit

Freewriting ist Schreiben ohne nachzudenken. Es gibt nichts zu erreichen. Also kannst du auch nichts falsch machen.

Wenn du mit dieser inneren Haltung ans Schreiben gehst, ist es, als würdest du den Stöpsel in deinem Kopf ziehen: Einmal angefangen, fließen die Worte plötzlich – samt aller Belastungen – einfach aus dir heraus.

Du fühlst dich aufgeräumter und erkennst deine aktuell wirkenden Stressmuster leichter. Vorausgesetzt, du schreibst regelmäßig und bewertest nicht, was aufs Papier kommt.

Da du den Stift nicht absetzt, hat dein innerer Kritiker wenig Zeit zwischen deine Gedanken zu plappern. Und wenn er es doch versucht, erkennst du ihn leichter. Dadurch kannst du bewusster mit deinen Selbstzweifeln umgehen und Erkenntnisse tiefer verarbeiten.

Hast du Freewriting schon mal ausprobiert? Was sind deine Erfahrungen oder Gedanken dazu? Kommentiere gerne ganz unten auf dieser Seite oder schreibe mir hier

Danke für deine Zeit. 🙂

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Anett Enderlein - Psychologisches Coaching

Hi, ich bin Anett. Ich unterstütze vor allem introvertierte, sensible und empathische Menschen dabei, sich von Druck und Erwartungen anderer zu befreien, Konflikte wertschätzend zu lösen und Stress zu reduzieren. Hinter den Kulissen immer an meiner Seite: meine 2 Hündinnen aus dem Tierschutz – Sina und Suri.

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