Warum finden wir es eigentlich so schlimm, wenn andere etwas Falsches über uns denken? Warum können wir nur so schwer Nein sagen? Warum verbiegen wir uns oft, um anderen zu gefallen?

Menschen sind soziale Wesen. Unser Überleben ist abhängig von der Gemeinschaft. Auch der größte Einsiedler sehnt sich nach Zugehörigkeit. Nähe und Zuwendung sind menschliche Grundbedürfnisse. Werden die nicht erfüllt, drohen schwerwiegende Folgen wie z.B. Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Warum ist das so und was können wir tun, um uns trotzdem ein Stück weit weniger von den Meinungen anderer abhängig zu machen?

Nähe ist ein Grundbedürfnis

Der Psychologe Harry Harlow hat in den 1950er Jahren ein Bindungs-Experiment mit Rhesusäffchen durchgeführt. Diese Äffchen hatten eine pelzige Affenattrappe sowie eine „Drahtmutter“, die Milch gab, zur Auswahl. Überwiegend wurde das Kuscheln an der Attrappe dem Trinken von Milch vorgezogen. Auch wenn die Äffchen erschreckt wurden, rannten sie zur Attrappe. Kuscheln, Nähe, Trost war ihnen wichtiger als Nahrung.

Und das ist bei uns Menschen nicht anders. Als Babys sind wir abhängig von unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen. Sie versorgen uns mit Nahrung und sie beschützen uns.

Könnten wiederum die Bezugspersonen der Babys keine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen, würden sie die Babys nicht beschützen. Füttern vielleicht. Aber das allein reicht nicht.

Als Einzelgänger konnte man früher, in Zeiten der Jäger und Sammler, zudem kaum überleben. Und auch heute noch sind wir immer abhängig von anderen Menschen. Jeder hat andere Fähigkeiten, die sich in der Gruppe ergänzen oder die wir als bezahlte Leistung entgegennehmen. Niemand kann alles. Nicht jedes Problem kann ich allein für mich lösen.

Besteht nun die Möglichkeit, dass andere schlecht über uns denken könnten, sehen wir unsere Zugehörigkeit gefährdet. Werden wir abgelehnt, wird unser Grundbedürfnis nach Nähe nicht mehr erfüllt.

Um Nähe zu erfahren, müssen wir uns anpassen

Wer sich nicht in die Gruppe integriert, wird verstoßen. Soll diese Gruppe eine bestimmte Funktion erfüllen, klappt das nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Die grundlegenden Werte müssen übereinstimmen.

Denn wenn viel Zeit dafür aufgewendet werden muss, erst auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen – was bei grundverschiedenen Wertevorstellungen kaum passieren wird, hat man keine Zeit und Energie mehr für die eigentliche Aufgabe. Wer nicht jagen gehen kann, wird verhungern.

Um dem vorzubeugen, wirken gewisse psychologische Gesetze. Wir treten z.B. in der Regel nur in Gruppen ein, zu denen wir uns hingezogen fühlen. Wir haben unterbewusst eine Vorauswahl getroffen und entschieden: Das könnte passen.

Achtung: manchmal entscheiden wir uns unterbewusst immer wieder für die falsche Gruppe. Das Falsche fühlt sich dann „passend“ an, weil es das ist, was wir kennen. Wenn du ein solches Muster bei dir vermutest und es auflösen möchtest schau mal, ob der Basis-Workshop etwas für dich ist.

Kommen wir dann neu in die Gruppe, beobachten wir eine gewisse Zeit. Wie lange diese Phase andauert, ist unter anderem auch persönlichkeitsbedingt. Introvertierte halten sich da länger zurück.

Durch diese Beobachtungen und gewisse Erfahrungen lernen wir die (unausgesprochenen) Gruppenregeln kennen und passen uns Stück für Stück an. Bei täglichem Kontakt ist diese erste Anpassung nach etwa 3 Monaten „abgeschlossen“. Eine Gruppe entwickelt sich natürlich ständig weiter, was wieder neue Anpassungen erfordert.

Dass wir uns anpassen müssen, wissen wir schon als Baby. Da haben wir allerdings keine Wahl und passen uns der Familie an, in die wir reingeboren werden. Wir orientieren uns an unseren Bezugspersonen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir auch nicht, dass es noch andere „Gruppen“ und viele andere Wahrheiten gibt. Bis zu einem gewissen Punkt glauben wohl alle Kinder, dass ihre Eltern ALLES wissen. Und dass alles wahr sein muss, was sie sagen.

Anpassungen passieren auf einer unterbewussten Ebene

Instinktiv und intuitiv wissen wir als Babys und Kleinkinder, was wir zu tun haben und handeln danach. Auch wenn wir evtl. ganz bewusst eine bestimmte Strategie wählen, um ein akutes Problem zu lösen, ist uns nicht bewusst, dass wir diese Strategie noch bis ins Erwachsenenalter mitnehmen werden.

Und irgendwann kommen wir an den Punkt, da passt unsere Lösung nicht mehr zum Problem. Denn das Problem ist ein anderes geworden. Die Strategie allerdings ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und läuft vollautomatisch ab, sobald wir getriggert werden. (Trigger sind Momente, die uns irgendwie an den damaligen Zustand erinnern und uns mit „alten“ Emotionen reagieren lassen, die aber eigentlich nicht auf die aktuelle Situation passen.)

Wir haben vielleicht Schwierigkeiten uns anzupassen, weil wir uns in Gruppen wiederfinden, von denen wir glauben, dass sie richtig für uns sein müssten, es aber nicht (mehr) sind.

Ein unpassendes Umfeld kann krank machen

Gelangen wir in ein Umfeld, welches unseren Werten (die wir vielleicht gar nicht bewusst kennen) widerspricht, fühlen wir uns fremd. Wir versuchen uns anzupassen, damit wir nicht abgelehnt werden, und geraten in einen Teufelskreis: Je weniger Erfolg wir haben, desto mehr strengen wir uns an und desto größer wird die Angst vor Ablehnung. Wir nutzen dabei aber immer die gleiche oder eine ähnliche Bewältigungsstrategie. Oft haben wir dann eine Art Tunnelblick und vergessen völlig, dass es auch noch andere Menschen, andere Gruppen gibt, die vielleicht besser zu uns passen. Dazu kommt die Angst, die bisherige Gruppe zu verlassen. Denn diese Gruppe, trotz aller Probleme, ist etwas Vertrautes.

Wir haben Angst, aus ihr verstoßen zu werden, wenn die anderen merken, dass wir in Wahrheit anders sind. Wir verstellen uns, um es möglichst allen recht zu machen. Niemand soll schlecht über uns denken. Wir werden nicht mehr gesehen, wie wir wirklich sind. Aber auch Gesehenwerden ist ein Grundbedürfnis. Da es nicht erfüllt wird, fühlen wir uns einsam unter Menschen. Es kann auch passieren, dass wir den Kontakt zu uns selbst verlieren, weil unsere eigenen Bedürfnisse zu sehr mit denen der anderen verschwimmen. Wir können sie nicht mehr so gut auseinanderhalten. Wir nehmen dann nur noch wahr, dass irgendetwas nicht stimmt.

Dieser Dauerstress, der entsteht, hat Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Vielleicht hast du schon mal davon gehört, dass Menschen in stabilen sozialen Beziehungen seltener krank werden, Krankheiten besser wegstecken und auch sämtliche Probleme besser lösen können.

Die Angst vor der Ablehnung überwinden

Wenn du gerade vor dieser Angst der Ablehnung stehst, möchtest du jetzt wahrscheinlich wissen, was du tun kannst, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Werde dir deiner Werte und Wünsche bewusst und lasse los

Finde heraus, was dir wichtig ist und stehe zu dir, zeige deine „Ecken und Kanten“, ziehe klare Grenzen – dein Umfeld „bereinigt“ sich mit der Zeit von selbst. Die Menschen, die nicht zu dir passen, ziehen sich nach und nach zurück.

Jetzt ist das natürlich genau das, wovor du dich ja fürchtest und was du vermeiden wolltest. Du hast aber in deiner Angst den Weg nicht zu Ende gedacht. Was nämlich passiert, wenn Menschen gehen, ist: Sie machen Platz für neue. Und wenn du dir über dich selbst bewusst bist, wirst du anders wahrnehmen (andere Menschen wahrnehmen, die du jetzt noch nicht wahrnehmen kannst), anders kommunizieren und anders auswählen und somit andere Menschen in deinem Umfeld haben. Da sind hochkomplexe unterbewusste psychologische Prozesse am Laufen, die das bewirken. Klar gibt es immer wieder mal welche, wo es nicht passt. Aber das muss ja auch nichts für die Ewigkeit sein.

Wenn du nicht die Kraft hast, selbst zu gehen, dann lass die anderen gehen. Das ist nicht böse und das ist nicht egoistisch. So findet einfach nur zusammen, was zusammengehört.

Versuche, froh über jeden Menschen zu sein, der erkennt, dass er bei dir an der falschen Adresse ist. Ihr spart euch beide wertvolle Lebenszeit und Energie, die ihr anders besser einsetzen könnt.

Verbinde „Loslassen“ nicht mit „im Stich lassen“

Introvertierte und Hochsensible haben meist schon sehr früh selbst mehr als genug Ablehnung erfahren. Sie wissen, wie schmerzhaft es sein kann. Außerdem fühlen sie oft auch die Schmerzen anderer Menschen. Und deswegen fällt es ihnen so schwer, selbst Schlussstriche zu ziehen. Sie wollen anderen nicht das Leid zufügen, was ihnen selbst zugefügt wurde.

Auch das sind wieder unterbewusste, fest verankerte Programme. Triggerpunkte, die Reaktionen auslösen, die nicht in die aktuelle Situation gehören.

Wie wäre es, wenn du eine nicht zu dir passende Person FREILÄSST, indem du sie loslässt. Klar kann es kurz wehtun. Aber du gibst diesem Menschen die Möglichkeit, einen passenderen zu finden. Und damit auch einen, der in schwierigen Situationen viel besser helfen kann, weil die beiden eine gemeinsame Sprache sprechen. Das gilt natürlich genauso für dich, wenn du freigelassen wirst.

Es gibt noch mehr Menschen, die so sind wie du

Du bist nicht allein auf dieser Welt, auch wenn es sich oft zu anfühlen mag. Wenn du deine Aufmerksamkeit auf dich lenkst und dich nicht so sehr von Menschen mit grundlegend anderen Persönlichkeiten und Werten ablenken lässt, wird es dir leichter fallen, die für dich passenden Menschen zu finden bzw. dich finden zu lassen.

Löse dich von allem, was nicht mehr passt – auch dann, wenn das „neue Passende“ noch nicht da ist. Es wird kommen. Und dann wirst du dich sicher und angenommen fühlen. Kommt es dann noch zu Meinungsverschiedenheiten, was nicht ausbleiben wird, macht es dir nicht mehr so sehr zu schaffen, weil du deinen Platz in der Gruppe oder bei deinem Partner als relativ sicher empfindest. Vor allem aber, weil du dich sicher mit dir selbst fühlst.

Hole dir Unterstützung

Wenn du dich einfach nicht überwinden kannst, andere Menschen loszulassen und auch immer wieder die „falschen“ Menschen anziehst, hängt das mit unterbewussten Denk- und Verhaltensmustern und festen inneren Überzeugungen zusammen.

Diese Muster und Überzeugungen waren mal sehr hilfreich. Sie haben sich im Laufe der Zeit aber schleichend zu einem eigenen Problem entwickelt. Wenn du diese Muster kennst und verstehst, kannst du aus den alten Kreisläufen aussteigen. Das nötige Hintergrundwissen, spezielle Übungen und persönliche Unterstützung gibt es im Basis-Workshop.

Kein Mensch ist falsch

Jeder Mensch handelt IMMER nach seinen im System gespeicherten unterbewussten „Programmen“. Jede Handlung folgt aus irgendeinem Bedürfnis heraus. Manche können wir nachvollziehen, andere nicht. Es geht bei der Gruppen- oder Partnerfindung nicht darum sich selbst über andere zu stellen. Es geht darum, sich zu fragen: Bin ich für diese Person der passende Partner? Ist dieser Mensch der passende Partner für mich?

Hast du Fragen oder Anregungen zum Artikel? Dann kommentiere gern oder schreibe mir eine Nachricht.

Foto von Artem Beliaikin von Pexels

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Anett Enderlein - Psychologisches Coaching

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