Wie die Geschichte der zwei Wölfe dein Selbstbewusstsein stärkt

von Anett Enderlein | 29. Juli 2020 | Selbstbewusstsein & Selbstwert | 0 Kommentare

Zwei Wölfe - ein Hilfsmittel für mehr Selbstbewusstsein, weniger Stress

An manchen Tagen ist einfach alles zu viel. Zu viele Erwartungen, zu viele laute Stimmen um einen herum ... Einfach zu viel Menschen-Stress. Parallel dazu läuft das Kopfkino. Die Angst, durch ein klares Nein jemanden vor den Kopf zu stoßen. Die Sorge, als egoistisch zu gelten. Oder der ständige innere Antreiber, der sagt, dass man sich einfach nur noch mehr anstrengen muss, um den Ansprüchen der anderen gerecht zu werden.

Vielleicht hast du in solchen Momenten schon mal den Rat bekommen, dich an die Parabel von den zwei Wölfen zu erinnern, die genau diesen inneren Zustand beschreibt.

Die Geschichte der zwei Wölfe

Es waren einmal ein alter Indianerhäuptling und sein Enkel. Sie saßen eines Abends am Lagerfeuer und der Großvater erzählte dem Enkel folgende Parabel:

„In mir toben und kämpfen immer wieder zwei Wölfe gegeneinander. Der eine heißt Neid, Missgunst, Gier, Wut, Ärger, Schuld, Selbstmitleid, Lüge, Minderwertigkeit und Überlegenheit. Der andere heißt: Freude, Frieden, Mitgefühl, Hoffnung, Wahrheit, Großzügigkeit und Vertrauen.“

Der Enkel überlegt eine Weile, dann fragte er den Großvater: „Welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“

Der alte Häuptling erwiderte: „Der, den ich füttere.“

Die zwei Wölfe und die Sache mit dem Selbstbewusstsein

Diese Parabel wird gern genutzt, um das Selbstbewusstsein zu erklären. Die Botschaft lautet dann meistens: Kontrolliere deine Gedanken, lenke dich ab, füttere nur das Positive, und schon bist du stark genug, um dich abzugrenzen.

Wenn du eine sensible, introvertierte Person bist, merkst du aber wahrscheinlich schnell, dass dieser Ratschlag in der Praxis eine Sackgasse ist. Er erzeugt nämlich genau den Druck, den du eigentlich abbauen willst.

Warum Gedanken-Umlenken im Alltag oft scheitert

Nun stimmt es natürlich, dass unsere Gedanken eine enorme Macht haben. Die Psychologie zeigt seit Jahrzehnten, dass das, was wir denken, direkt unsere Gefühle, unser Verhalten und letztlich unsere Ergebnisse im Leben beeinflusst. Wenn du den Gedanken denkst: „Ich bin unmöglich, weil ich dem Treffen heute absage“, entstehen fast automatisch Schuldgefühle.

Manchmal funktioniert es auch wunderbar, einen problematischen Gedanken einfach zu stoppen oder nicht weiterzudenken, sobald er einem bewusst wird. Bei alltäglichen, logischen Grübeleien ist das ein gutes Werkzeug.

Das Problem entsteht dann, wenn die Gedanken aus einer tiefen, emotionalen Ecke kommen – wie der Angst vor Kritik, Ablehnung oder dem Gefühl, nicht zu genügen. Wenn du dann versuchst, die Angst vor einem Konflikt oder die absolute Erschöpfung nach einem langen Tag „einfach nicht weiterzudenken“ oder starr umzulenken, passiert meistens das Gegenteil: Der Gedanke kommt als Bumerang zurück. Dein Gehirn geht in einen Kontrollmodus und prüft unbewusst die ganze Zeit: „Denke ich den verbotenen Gedanken noch? Ah, da ist er ja wieder.“

Das Unterdrücken dieser emotionalen Anteile kostet dein Nervensystem extrem viel Kraft. Dein Körper reagiert trotzdem. Vielleicht mit Herzrasen, einem flachen Atem oder dem Impuls, dich komplett zurückzuziehen. Zusätzlich gerätst du in eine Schleife der Selbstabwertung. Du merkst, dass der unruhige Wolf da ist, kannst es durch bloße Willenskraft nicht ändern und denkst: „Jetzt kriege ich nicht mal das mit dem Füttern hin.“

Das hat nichts mit echtem Selbstbewusstsein zu tun. Wahres Selbstbewusstsein bedeutet nicht, dass du dich permanent positiv steuerst, sondern dass du dir deiner selbst bewusst bist – und zwar mit allem, was gerade in dir vorgeht.

Abgrenzung beginnt beim unruhigen Wolf

Wir dürfen den Kampf-Gedanken beiseitelegen. Du musst nichts wegbekommen, um dich abgrenzen zu können. Es geht erst mal darum, eine Bestandsaufnahme zu machen und die inneren Anteile für dich zu sortieren.

Der Wolf, der da so laut jault – der mit der Angst, dem Ärger oder der Hektik –, ist kein Feind, den du aushungern musst. Er ist oft ein Anteil von dir, der im Moment einfach überfordert ist und Schutz sucht. Wenn du versuchst, dich nach außen hin abzugrenzen, während du innerlich diesen Anteil bekämpfst, kostet dich das doppelt so viel Kraft.

Empathisches Abgrenzen funktioniert ganz anders: Sie fängt damit an, dass du die Signale dieses unruhigen Wolfes verstehst, statt ihn stummzuschalten. Du veränderst nicht den Gedanken, sondern deine Haltung zu ihm. Du erkennst ihn als das an, was er ist: ein unruhiger Gedanke in deinem Kopf, aber nicht die absolute Wahrheit.

Der erste Schritt: Hinschauen statt Umlenken

Wenn du das nächste Mal merkst, dass die Zweifel an dir nagen und dein Selbstbewusstsein ins Wanken gerät, zwinge dich nicht zu positivem Denken. Nimm einfach nur wahr, was da ist. Ohne es direkt zu bewerten.

Halt kurz inne. Nimm dir vielleicht einen Zettel und einen Stift und sortiere das Chaos im Kopf handschriftlich mit der Frage: „Wenn dieser ängstliche oder unruhige Anteil gerade so laut, worauf will er mich dann eigentlich hinweisen? Welcher Wert oder welche Grenze von mir wurde heute übersehen?“

Vielleicht jault der Wolf, weil du schon seit Tagen über deine Kraftgrenzen gehst, um es anderen recht zu machen. Vielleicht meldet er sich, weil du gerade etwas tust, was überhaupt nicht zu deinen inneren Überzeugungen passt, nur um die Harmonie zu wahren. Sobald du aufhörst, diesen Anteil auszuhungern oder wegzudrücken, nimmst du den Druck aus dem System. Du verstehst, was du gerade brauchst. Und aus diesem inneren Bewusstsein heraus entsteht eine ganz natürliche, empathische Abgrenzung nach außen. Ganz ohne Ellenbogen, ohne Schuldgefühle und ohne inneren Kampf.

Fazit: Ein starkes Selbstbewusstsein muss keinen Wolf aushungern

Am Ende geht es bei der Geschichte der zwei Wölfe nicht darum, den unruhigen Anteil zu besiegen oder auszuhungern. Wirkliches, echtes Selbstbewusstsein wächst, wenn du aufhörst, gegen dich selbst zu kämpfen. Sobald du lernst, dem lautesten Wolf in dir unaufgeregt zuzuhören, zeigt er dir meistens genau den Weg zu deinen eigenen, gesunden Grenzen.

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Foto Titelbild: Pixabay von Pexels

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