Es gibt diese Momente, in denen wir im Kopf eigentlich schon fertig sind. Wir wissen genau, welche Entscheidung ansteht und wo wir eine Grenze ziehen müssten, um wieder durchatmen zu können.
Doch statt loszugehen, bleiben wir stehen und beobachten die Situation lieber noch eine Weile aus der Ferne. Dieser Stillstand ist meistens ein Schutzreflex: Wir versuchen, den Wunsch nach Ruhe mit dem tief sitzenden Anspruch zu vereinen, es bloß allen recht zu machen.
Ich nutze Tarot als psychologisches Hilfsmittel, um ein monatliches Abgrenzungsthema mit passenden Reflexionsfragen auszuwählen. Wie du mit dem Monatsimpuls arbeiten und dir auch ein eigenes Bild der Karten machen kannst, habe ich dir in diesem Blogartikel beschrieben.
Inhalt
Die Karten als Grundlage für diesen Impuls
Verharren in der Analyse
Wenn Harmonie wichtiger ist als die eigene Grenze
Grenzen ziehen ohne laut zu werden
Fazit: Abgrenzung braucht Zeit statt Härte
Die Karten als Grundlage für diesen Impuls
Hier ein Foto der Legung, falls du dir ein eigenes Bild machen oder einfach nachvollziehen möchtest, wie ich auf die aktuellen Impulse komme.
Karte 1 – mittig: 3 der Stäbe
Karte 2 – links: 10 der Kelche
Karte 3 – rechts: Kraft
Verharren in der Analyse
Unsere erste Karte, die „3 der Stäbe“, leitet unser Abgrenzungsthema ein.
Wenn du auf die Karte schaust, siehst du eine Figur, die auf einer Anhöhe steht und den Schiffen auf dem Wasser zuschaut. Als würde sie auf etwas warten. Das Festhalten an einem der Stäbe wirkt, als würde sie etwas Halt suchen. Die Figur ist unterwegs, hält aber gerade inne.
Mir kommt dabei der Gedanke, dass sie ihre Richtung, in die sie gehen möchte schon kennt, aber diesen Schritt aus irgendeinem Grund gerade nicht gehen kann. Sie möchte lieber noch ein bisschen beobachten und analysieren.
Wenn wir lernen, Grenzen zu setzen, wissen wir oft theoretisch schon, was wir tun müssten. Wenn das aber neu für uns ist, können wir uns nicht einfach von den Erwartungen anderer lösen. Wir haben uns zwar vorgenommen, beim nächsten Mal deutlich „Nein“ zu sagen, trauen uns dann aber doch nicht.
Oder wir haben zwar diese Grenze schon gezogen und für ein bisschen Abstand gesorgt, hängen aber gedanklich noch an den „Schiffen“: Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit trotz der nach außen gezogenen Grenze so sehr bei den anderen und viel zu wenig bei uns selbst. Und dann wollen wir sicherheitshalber vielleicht doch lieber zurück zur alten Gewohnheit.
Insgesamt wirkt es auf mich gerade so, als würde man in einer Zwischenphase feststecken. Man weiß theoretisch, was zu tun ist, kann den Stab aber nicht loslassen, um den kompletten Schritt zu gehen und bleibt in der Analyse-Phase stehen.
Worauf genau wartest du gerade, bevor du dich in einer schwierigen Situation entscheidest oder handelst?
Wie viel Zeit am Tag verbringst du damit, das Verhalten oder die Reaktionen anderer zu beobachten und zu analysieren?
Wenn du dich in sozialen Situationen unwohl fühlst: Bleibst du gedanklich bei dir oder bist du mit deiner Aufmerksamkeit schon bei den Erwartungen deines Gegenübers?
Wenn Harmonie wichtiger ist als die eigene Grenze
Unsere zweite Karte, die „10 der Kelche“, spiegelt uns wider, was zu dem Zögern geführt haben kann.
Eigentlich ist diese Karte eine typische „Happy End“-Karte. Sie vermittelt perfekte Harmonie. Der Regenbogen wirkt hier auch ein bisschen wie eine schützende Kuppel.
Wenn wir das auf eine mögliche Vorgeschichte beziehen, könnte es sich hier um ein Idealbild handeln, das man verinnerlicht hat und das sämtliche Entscheidungen unbewusst beeinflusst. Die Grundannahme, die hier wirkt wäre dann z. B.: „Wenn ich es allen recht mache, bleibt es harmonisch und friedlich. Solange ich mich anpasse, sind wir alle sicher.“
Wenn wir die ersten beiden Karten zusammenbringen, heißt das: Man steckt fest, weil man versucht, sich abzugrenzen, ohne dabei das Idealbild der immer lieben, empathischen und hilfsbereiten Person zu verletzen. Weil das aber einen inneren Konflikt auslöst, bleibt man in der Beobachterrolle auf dem Hügel stehen, statt loszugehen.
Wer in deinem Umfeld war früher dafür verantwortlich, dass die Stimmung gut bleibt – und was passierte, wenn es mal nicht so war?
Welchen Preis zahlst du aktuell dafür, dass es „keinen Ärger“ gibt?
Was befürchtest du, was passiert, wenn du „Nein“ sagst? Welches Idealbild geht dann vielleicht kaputt?
Grenzen ziehen ohne laut zu werden
Unsere dritte Karte, die „Kraft“, gibt uns Handlungsimpulse.
Auf der Karte siehst du eine Frau, die sanft, aber bestimmt das Maul eines Löwen schließt. Sie muss dafür nicht körperlich gegen ihn kämpfen. Sie wirkt ruhig und unaufgeregt. Das heißt, die muss auch nicht laut werden.
Der Löwe könnte hier für die eigenen Emotionen stehen. Für die Stress-Signale und Ängste, die hochkommen, sobald man eigentlich „Nein“ sagen möchte. Wie z. B. die Angst vor Kritik oder das flaue Gefühl im Magen.
Der Handlungsimpuls geht heute für mich ganz klar in die Richtung, dass man Gefühle, Ängste und Sorgen nicht mit Gewalt wegdrücken sollte. Sie sind ein wichtiger Teil unseren Überlebenssinnes. Wir müssen sie „nur“ wieder in die richtigen Bahnen lenken.
Ich schreibe „nur“ in Anführungszeichen, weil das ein Prozess ist. Daran erinnert mich hier auch die liegende Acht auf der Karte, die für Unendlichkeit steht. Gesunde Abgrenzung ist nichts, was man einmal macht und dann ist es für immer gut. Es ist eine selbstmitfühlende Haltung, die man entwickelt und die man auch pflegen muss. Wir müssen unsere eigenen Grenzen immer wieder neu ausloten, weil sie sich immer wieder verschieben.
In welcher Situation hast du schon einmal erlebt, dass Sanftheit mehr bewirkt hat als Härte oder lauter Widerstand?
Welches Gefühl versuchst du gerade besonders stark zu kontrollieren oder zu unterdrücken, wenn du unter Menschen bist?
Welcher kleine, unaufgeregte Schritt würde dir heute das Gefühl geben, wieder selbst am Steuerrad deines Wohlbefindens zu stehen?
Fazit: Abgrenzung braucht Zeit statt Härte
Wenn du eigentlich schon weißt, was du tun müsstest, es aber noch nicht tust, steckst du vielleicht in einer Phase fest, in der du lieber noch mal analysierst und beobachtest, statt den nächsten Schritt zu gehen. Deine Aufmerksamkeit ist dabei ständig bei den anderen und du fragst dich, was sie dann über dich denken würden und was sie eigentlich von dir erwarten. Das hält dich davon ab, die Grenze, die du im Kopf schon gezogen hast, auch im Außen umzusetzen.
Hinter diesem Zögern kann ein altes Idealbild von Harmonie stecken, das du tief verinnerlicht hast. Du hast gelernt, dass Anpassung Sicherheit bedeutet und dass es deine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Stimmung gut bleibt. Jetzt hast du Angst, dass du dieses Bild der „lieben, empathischen Person“ zerstörst, wenn du „Nein“ sagst. Dieser Konflikt zwischen deinem Wunsch nach Ruhe und deinem Harmoniebedürfnis lässt dich auf der Stelle treten.
Abgrenzung fühlt sich für dich dann vielleicht wie ein harter Kampf gegen deine Mitmenschen an. Es geht aber vielmehr darum, die eigenen Stress-Signale und Ängste wahrzunehmen, ohne sie sofort wegzudrücken. Und es geht darum dir selbst gegenüber mitfühlend und fair zu bleiben.
Die eigenen Grenzen immer wieder neu auszuloten, ist ein dauerhafter Prozess. Es ist eine Haltung, die sich die sich mit der Zeit entwickelt und festigt. Ein kleiner, unaufgeregter Schritt reicht meistens aus, um den Fokus wieder auf dein eigenes Wohlbefinden zu lenken.
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Foto von R_Tee via Canva.com
Tarot von A.E. Waite, Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania-Verlags
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