Warum lasse ich jede Ungerechtigkeit so nah an mich ran?

von Anett Enderlein | 7. November 2026 | Gedanken & Impulse | 0 Kommentare

Kompass im Sonnenlicht mit der Aufschrift: Warum lasse ich jede Ungerechtigkeit so nah an mich ran? - Monatsimpuls mit psychologischem Tarot

Manchmal schwirren einem ungerechte Situationen noch ewig im Kopf herum. Vor allem, wenn man einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat. Oft zieht man sich dann erst mal zurück, um das Ganze allein mit sich auszumachen. Nur wird es dadurch meistens nicht besser. In diesem Monatsimpuls schauen wir uns an, warum Rückzug das Ganze manchmal noch schlimmer macht und wie du diesen Knoten im Kopf wieder lösen kannst.

Ich nutze Tarot als psychologisches Hilfsmittel, um ein monatliches Abgrenzungsthema mit passenden Reflexionsfragen auszuwählen. Wie du mit dem Monatsimpuls arbeiten und dir auch ein eigenes Bild der Karten machen kannst, habe ich dir in diesem Blogartikel beschrieben.

Inhalt

Die Karten als Grundlage für diesen Impuls

Der innere Gerichtssaal

Grübeln im stillen Kämmerlein

Das Muster gezielt durchbrechen

Fazit: Der eigene Maßstab macht die Müdigkeit

Die Karten als Grundlage für diesen Impuls

Hier ein Foto unserer Legung, falls du dir ein eigenes Bild machen oder einfach nachvollziehen möchtest, wie ich auf die aktuellen Impulse komme.

Psychologisches Tarot für empathisches Abgrenzen: 3 Tarotkarten auf einem Holztisch zum Thema: Warum lasse ich jede Ungerechtigkeit so nah an mich ran?
Karte 1 – mittig: Gerechtigkeit
Karte 2 – links: Der Eremit
Karte 3 – rechts: Ritter der Schwerter

Der innere Gerichtssaal

Unsere erste Karte, die „Gerechtigkeit“, leitet unser Abgrenzungsthema ein. Mein erster Gedanke ging direkt in Richtung „ausgeprägter Gerechtigkeitssinn“, in dem man sich ja auch leicht verlieren kann.

Die Figur hält in der einen Hand ein Schwert und in der anderen eine Waage. Bei der Waage musste ich an die berüchtigte Goldwaage denken und an ständiges Abwägen und Überprüfen. Man versucht, es allen Beteiligten recht zu machen und bloß nicht ungerecht zu sein.

Das kann auf Dauer echt anstrengend sein, weil man permanent im Kontroll- und Bewertungsmodus ist. Man kann dabei aber auch leicht vergessen, dass man selbst Beteiligter ist. Und dann packt man seine eigenen Bedürfnisse nicht mit auf die Waage und hat nur die der anderen im Blick.

Beim Schwert musste ich direkt an harte und vielleicht auch vorschnelle Urteile denken, die man manchmal trifft, wenn man einen starken Sinn für Gerechtigkeit hat. Im Tarot steht das Schwert für den scharfen Verstand. Und wenn sozialer Stress entsteht, schaltet der Verstand blitzschnell auf Analyse: Wer hat sich falsch verhalten? Wo ist die Grenze überschritten worden?

Das harte Urteil muss sich dabei gar nicht immer auf andere richten. Oft geht es auch gegen sich selbst. Wenn man sich z. B. mal wieder nicht gut genug abgegrenzt oder einen anderen Fehler gemacht hat.

Wenn du auf die Karte schaust, siehst du auch, dass die Figur zwischen zwei Säulen sitzt. Wenn man alles richtig machen will und daher einen extrem moralischen und auch funktionalen Anspruch an sich selbst und andere hat, führt das zwangsläufig zu sozialem Stress. Man ist dann davon überzeugt, dass es für jede Situation eine absolut faire, richtige und saubere Lösung geben muss. Man muss sich eben einfach nur genug anstrengen und nachdenken. Man setzt sich damit selbst unter Druck, bevor überhaupt ein Konflikt mit anderen entsteht.

  • An welchen Stellen im Alltag merkst du, dass du eine Situation (oder deine eigene Reaktion) gedanklich auf die Goldwaage legst und jedes Wort im Nachhinein überprüfst?
  • Wie oft ertappst du dich dabei, die Verantwortung dafür zu tragen, dass es für alle fair und harmonisch zugeht – außer vielleicht für dich selbst?
  • Welches strenge Urteil sprichst du in Gedanken über dich selbst aus, wenn du merkst, dass du dich mal wieder nicht ausreichend oder „gerecht“ abgegrenzt hast?

Grübeln im stillen Kämmerlein

Unsere zweite Karte, der „Eremit“, erzählt uns etwas über eine mögliche Vorgeschichte. Mein erster Gedanken: Noch so eine große Karte. Und dann auch noch der schöne Eremit, meine Lieblingskarte. Was hat Rückzug, Selbstfindung und Weisheit in der Vorgeschichte mit einem starken, hinderlichen Gerechtigkeitssinn zu tun? Wie passt das zusammen?

Was mich dann zu der Frage geführt hat, warum man sich überhaupt zurückzieht. Das machen wir ja oft, weil alles irgendwie zu laut und zu anstrengend geworden ist. In diesem Fall auch: zu ungerecht. Wir ziehen uns zurück, um uns selbst zu schützen und uns zu erholen. Manchmal auch, um alle fremden Stimmen in uns abzuwerfen, damit wir uns selbst wieder hören können und erkennen, was wir selbst eigentlich wollen, wenn keine Ansichten anderer auf uns abfärben.

Wenn man sich aber über längere Zeit sehr zurückzieht, denkt man meist auch viel nach. Man analysiert, wälzt Dinge im Kopf hin und her und versucht, durch reines Nachdenken zu verstehen, was schiefgelaufen ist. Man macht alles mit sich selbst aus. Und wenn man zu lange isoliert nachdenkt, fängt man irgendwann an, sein Umfeld nur noch aus dieser eigenen, hochreflektierten Perspektive zu bewerten.

Aus dem Eremiten, der eigentlich Antworten und Erholung sucht, wird die Gerechtigkeit (unsere Karte 1). Wenn man lange im Alleingang reflektiert (oder sich ausschließlich mit KI austauscht, aber nicht mit Menschen), hat man im Kopf irgendwann einen so hohen Maßstab und so viele strenge Schlussfolgerungen entwickelt, dass man im nächsten Kontakt mit dem Umfeld noch empfindlicher reagiert. Einfach weil man den Bezug zu echten, menschlichen Beziehungen ein Stück weit verloren hat. Man legt dann alles auf die Goldwaage, weil man verlernt hat, dass soziale Interaktionen oft unperfekt und manchmal auch unfair sind, ohne dass es gleich schlimme Konsequenzen hat oder jemand schuld ist.

  • Wie oft ziehst du dich bei sozialem Stress oder Unstimmigkeiten komplett zurück, statt zu versuchen, die Situation im Kontakt mit anderen zu klären?
  • Wenn du länger Zeit für dich hast: Wie sehr verwandelt sich dein Nachdenken über eine Situation von einer hilfreichen Reflexion in ein ewiges Durchkauen von Fehlern?
  • Wie fühlt es sich an, wenn du nach einer Phase des Alleinseins wieder in Kontakt mit Menschen trittst? Spürst du dann eine gewisse Wachsamkeit oder Erwartungshaltung, dass es schnell unfair oder anstrengend werden könnte?

Das Muster gezielt durchbrechen

Unsere dritte Karte, der „Ritter der Schwerter“, lässt uns einen Handlungsimpuls ableiten. Reiter und Pferd wirken auf mich gehetzt. Das sieht im ersten Moment nicht nach einer guten Lösung aus. Dann fällt mir aber auf, dass sie gegen den Sturm reiten. Und mir kommt folgender Gedanke:

Wenn wir unter sozialem Stress stehen, ist die automatische Reaktion oft – und speziell in unserem Fall – entweder weiterer Rückzug (Eremit) oder hartes Verteidigen und Rechtfertigen (Gerechtigkeit). Wir können diesen automatischen Impuls aber bewusst umlenken, sobald wir ihn bemerken. Statt sich vom alten Sturm in die übliche Richtung schieben zu lassen, dreht man sich um und geht dem entgegen. Man macht das Gegenteil von dem, was man bisher gemacht hat. Statt also alles mit sich allein auszumachen, ewig nachzudenken und alles auf die Goldwaage zu legen, teilt man sich z. B. jemandem mit. Oder man macht sich bewusst, dass man jetzt nicht sofort eine Lösung braucht, weil vielleicht gar kein Problem existiert. Egal, welcher Schritt es am Ende ist, es geht darum, die Schleife anzuhalten und eine neue, unerwartete Handlung zu wählen. Bestenfalls im Kontakt mit anderen.

Wichtig bleibt hier aber, dass man sich dabei nicht selbst übergeht. Du sollst auf keinen Fall irgendwas erzwingen, nur um „es endlich richtig zu machen“. Damit würdest du im alten Muster bleiben. Die neue Richtung darf sich im ersten Moment stressig anfühlen und nervös machen. Du solltest aber nicht das Gefühl haben, dass du etwas tust, was du eigentlich nicht tun willst. Jeder Schritt sollte aus freien Stücken erfolgen, auch wenn er dir ein bisschen Angst macht.

  • Was ist das typische, automatische Muster, in das du bei sozialem Stress oder Druck sofort verfällst? Und wie würde sich das genaue Gegenteil davon im ersten Moment anfühlen?
  • In welchen wiederkehrenden Situationen merkst du, dass dein Kopf am liebsten sofort alles klären, rechtfertigen oder analysieren will? Wie könntest du stattdessen ganz bewusst einen kleinen Stopp einlegen?
  • Wo spürst du die Grenze zwischen einer gesunden, nervösen Aufregung (weil etwas neu und ungewohnt ist) und überforderndem Druck oder warnender Angst?

Fazit: Der eigene Maßstab macht die Müdigkeit

Wenn du sehr feinsinnig oder sozial engagiert bist, hast du vielleicht sowas wie einen innerer Fairness-Scanner. Du scannst dich und dein Umfeld permanent unbewusst nach Ungleichgewichten, Grenzüberschreitungen oder drohenden Konflikten ab. Dieser Schutzmechanismus, der eigentlich für Gerechtigkeit sorgen soll, kann aber ganz schön stressig werden. Denn wenn du jedes Wort, jede Geste und jede deiner eigenen Reaktionen auf die Goldwaage legst, hältst du dein Nervensystem in einem Daueralarmzustand. Es geht extrem viel Energie allein dafür drauf, alles zu kontrollieren und allen gerecht zu werden.

Der (eigentlich gute) Sinn für Gerechtigkeit kann sich durch zu viel isoliertes Nachdenken auf ungesunde Weise verstärken. Wenn du dich sehr oft zurückziehst und versuchst, die Probleme für dich allein im Kopf zu lösen (oder ausschließlich im Austausch mit KI), kannst du den Bezug zu echten menschlichen Beziehungen verlieren. Es kann sein, dass du dann deine Maßstäbe so hoch ansetzt, dass es dir schwerfällt dich später abzugrenzen. Soziale Interaktionen sind nie perfekt. Und das ist okay. Je weiter du dich daraus zurückziehst, desto schwerer kannst du irgendwann damit umgehen und du wirst immer mehr ins Urteilen rutschen und immer mehr Ungerechtigkeiten wahrnehmen.

Nutze also die Schärfe deines Verstandes nicht für deinen inneren Gerichtssaal, sondern für einen klaren (wenn auch nur kleinen) Richtungswechsel. Erkenne deine automatische Reaktion (Rückzug, Grübeln, Verteidigung) und mache z. B. das Gegenteil davon, sobald sie dir bewusst wird (mit jemandem reden, die Situation erst mal so stehen lassen, andere nach ihrer Wahrnehmung fragen …). Es geht hierbei vor allem darum, das alte automatische Muster durch eine neue, ungewohnte Handlung zu durchbrechen. Damit du deinen sozialen Stress langfristig reduzieren kannst und wieder mehr Freude am Leben hast.

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Foto Titelbild: R_Tee via Canva.com

Hi, ich bin Anett.

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Ich unterstütze introvertierte, sensible und empathische Menschen dabei, sich empathisch abzugrenzen und mit weniger Menschen-Stress durch den Alltag zu gehen. Hinter den Kulissen immer an meiner Seite: meine beiden Hunde aus dem Tierschutz – Suri und Nanni.

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